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Als Pin-ups in die Luft gingen

Pralle Formen, knappe Kleider, freche Sprüche: Mit Pin-ups auf Flugzeugrümpfen führten alliierte Piloten im Zweiten Weltkrieg ihren ganz privaten Propagandakrieg gegen die Nazis. Die hatten der Erotikattacke in der Luft wenig entgegenzusetzen - dafür prangte auf Fliegern mit dem Hakenkreuz auch schon mal Micky Maus.


Jacks Liebste lächelte jedesmal, wenn ihr Ehemann seine Bomben ausklinkte. Wenn der US-Bomberpilot 1942 seine Maschine über japanische Städte lenkte, um dort seine tödliche Fracht abzuladen, blickte auch seine Gattin von Jacks B-24-Bomber auf die Erde unter sich hinab - verführerisch lächelnd im hautengen schwarzen Abendkleid, die Wimpern getuscht, mit wallendem Haar, das ihr offen auf die entblößten Schultern fiel.

Wie die Frau von Jack Shinn zogen Frauen und Freundinnen Abertausender anderer US-Piloten an der Seite ihrer Männer in den Kampf gegen Nazi-Deutschland - nicht in Fleisch und Blut, sondern als oft überlebensgroße Pin-ups: In lasziven, koketten und sexy Posen, die die Flieger in den Kampfpausen mit viel Hingabe und Liebe zu prallen Formen an ihre Bomber oder Jagdflugzeuge pinselten. Wie Shinn, der vor dem Krieg Kunst und Design studiert und das Porträt seiner Frau eigenhändig gemalt hatte.


"Nose Art" heißt die Kunst der sinnlichen, frechen und provozierenden Kunst an den Kampfmaschinen, und sie ist so alt wie die Militärfliegerei selbst. Schon im Ersten Weltkrieg putzten die damaligen Ritter der Lüfte ihre fliegenden Schlachtrösser auf, als ob es sich beim Luftkampf um ein mittelalterliches Turnier handelte. Berühmtestes Beispiel dafür, wenngleich nicht Nose Art im eigentlichen Sinne, war die knallrote Fokker des deutschen Fliegerasses Manfred von Richthofen, dessen auffälliger Dreidecker ihm den Beinamen "Roter Baron" bescherte. Bald entwickelte sich der Brauch, die Flugzeuge optisch nicht individuell zu tunen, sondern die Maschinen einer Einheit als Erkennungszeichen und kollektive Glücksbringer mit identischen Abzeichen zu versehen - eine berühmte französische Fliegerstaffel etwa bemalte ihre Maschinen schon im Ersten Weltkrieg mit einem Storch.


Doch zur höchsten Blüte gelangte die Nose Art in den sechs Jahren des Zweiten Weltkriegs. Halb- oder oft auch noch weniger bekleidete Pin-ups auf Maschinen der United States Air Force waren da nur eine Spielart, die selbstbewusste Variante des Pin-ups im Spind des einfachen Soldaten. Außer den Liebsten der Piloten und Hollywood-Stars wie Lana Turner, Joan Crawford oder Rita Hayworth kamen auf den Blech- oder Leinwandhüllen von Boeings oder Lockheeds, Martins oder Grummans auch ganz andere Motive zu Ehren. Comic-Figuren wie Bugs Bunny, Micky Maus oder Popeye etwa erfreuten sich bei den US-Boys enormer Beliebtheit.


Aber selbst die Flugzeugführer der deutschen Luftwaffe boten dem Betrachter neben Nazi-Hakenkreuzen schon mal humorigere Symbole. Die deutsche Jagdgruppe 88 der Legion Condor etwa, mit der Hitler im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten General Francos eingriff, wurde unter dem Beinamen Mickey-Mouse-Staffel bekannt: An den Heinkel-He-51-Maschinen prangte die Zigarre paffende, dabei Beil und Pistole schwingenden US-Comic-Figur. Während die deutschen Flieger Guernica in Schutt und Asche legten, lächelte über ihnen hämisch die Trickfigur.


Andere deutsche Geschwader kamen zwar auch tierisch bemalt, aber weniger verspielt daher und verzierten ihre Maschinen beispielsweise mit martialisch anmutenden Haifischen oder Wespen.


Oft waren es auch besondere Baumerkmale ihrer Flugzeugtypen, die die Besatzung zur Verschönerung geradezu aufforderten. Die "Flying Tigers" etwa, amerikanische Freiwillige, die als Jagdflieger in Asien eingesetzt wurden, verzierten den auffällig großen Lufteinlass ihrer Curtiss P-40 "Tomahawk"-Maschinen mit einem überdimensionierten Raubkatzengebiss als Markenzeichen.


Der Historiker Jürgen Willisch vom Berliner Luftwaffenmuseum in Gatow, der sich mit der Geschichte der Nose Art beschäftigt hat, unterscheidet denn auch drei unterschiedliche Varianten der Kunst am Flugzeug: Individuelle Darstellungen, bei denen Piloten wie Jack Shinn der eigenen Fantasie freien Lauf ließen und "ihre" Maschine zum unverwechselbaren Einzelstück veredelten. Andererseits diente Kriegsbemalung eben als gemeinsames Erkennungsmerkmal einer Staffel oder eines Geschwaders, als eine Art Corporate Identity einer im Krieg auf Leben und Tod miteinander verbundenen Gemeinschaft. Und drittens dienten Bomber oder Jagdflugzeuge als Transporteure politischer Karikaturen - eine Form, so Willisch, die erst im Zweiten Weltkrieg entstand. Unmissverständlich machten die fliegenden Kunstmaler per Nose Art klar, was sie vom Feind hielten oder was sie mit ihm zu tun gedachten: Vom Flugzeugrumpf grüßte da schon mal ein kleines Kind, das mit einem Riesen-Richterhammer auf Hitlers Kopf eindrischt, auf dass der "Führer" Sterne sieht. Ein Hund hebt das Beinchen über der Karte des Dritten Reiches, ein Raubtier holt mit mächtigem Prankenschlag ein deutsches Flugzeug vom Himmel.


Was als Kriegskunst begann, mit der der Gegner erschreckt oder verhöhnt werden und die eigene Überlegenheit symbolisch demonstriert werden sollte, vereint heute Piloten unterschiedlicher Luftwaffen über Grenzen hinweg. Einmal jährlich treffen sich Fliegerstaffeln zum "Nato Tiger Meet". Voraussetzung für die Teilnahme an der militärischen Übung: Der Verband muss einen Tiger oder eine Raubkatze im Wappen führen. Manche Flugzeuge sind gar komplett im Streifen-Look bemalt - dem "Roten Baron" hätte es gefallen. Und Jack Shinn wohl auch.


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Let's take off!


Quelle: Spiegel.de

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